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Hauptstadtgeschichten


 

 

5. August 2016

Am 18. September sind die Berliner aufgerufen, das Abgeordnetenhaus neu zu wählen. Seit einigen Tagen hängen die ersten Wahlplakate an Laternen und Wänden. Man möchte es nicht glauben, aber Forschungen haben ergeben: Nichts beeinflusst das Wahlverhalten der Wählerinnen und Wähler so stark wie Plakate. Ob das auch für dieses gilt?

Ich habe es fotografiert um keinem Erinnerungsfehlern aufzusitzen. Über einer angedeuteten Volksmenge ist ein großer grüner Kreis gesetzt, etwa ein Drittel der Plakatfläche beanspruchend. Dadrin steht: Dein Gott? Dein Sex? Dein Ding! Ich habe nicht begriffen was dieses Plakat aussagen will, meine Freunde haben, gedanklich im Nebel herum stochernd zusammen gereimt: Was immer Deine Religion ist, welchem Geschlecht Du Dich auch immer zugehörig fühlst – Mann, Frau oder einer der vielen Zwischenstufen – das alles macht nichts, bei uns bist Du richtig.

Freier weg, direkter und unschuldiger kann es gar nicht gesagt werden: Die Freiheit, die wir in allen Reden so hoch halten, ist die Freiheit von Werten. Viele verstehen unsere Freiheit als Beliebigkeit. Alles ist wurscht.

Ob wir so bestehen werden in der Auseinandersetzung mit Flüchtlingen, die großenteils mit sehr starken Werten, mögen sie uns auch antiquiert erscheinen, zu uns kommen, bezweifle ich sehr. Wer Werte hat, ist für andere wertvoll. Der Wert-lose soll sich nicht wundern, als wertlos behandelt zu werden. Wer selbst keine Ziele hat, wird sich schwer tun, anderen Integrations-Ziele setzen zu können.

 

9. August 2016

Bald nach dem Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“ haben sich fünf Damen der Berliner Gesellschaft, alle nicht mehr ganz knusprig, der im ehemaligen Rathaus von Wilmersdorf eingerichteten Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge als Deutschlehrer zur Verfügung gestellt, meine Frau Sophie darunter. Unterricht für Frauen war die Devise. Eine Frau aus Afghanistan hat sich gemeldet, Mutter von sechs Kindern, 10 Jahren abwärts, die nicht Adele heißt aber einen für die Damen unaussprechbaren Namen hat, der wie Adele klingt. Alle, auch die Afghanin, haben sich auf diesen Namen geeinigt. Die fünf Frauen, außer Sophie Barbara, Johanna, Stephanie und Ivonne geben reihum jeden Tag Unterricht, der exakt vorbereitet und liebevoll so nachbereitet ist, das die nächste am kommenden Tag weiß wo sie anzusetzen hat.

Kürzlich hat die ganze Mannschaft einen Tagesausflug in die Prignitz gemacht. Ziel war ein bäuerliches Gehöft  von Marie-Theres, das sie und ihr Mann recht bald nach der Wende gegen einen kleinen Besitz im Rheinischen eingetauscht und ebenso liebevoll wie großzügig hergerichtet haben. Die fünf Damen, Adele mit ihren sechs Kindern und ihrem Mann, der vier Sprachen spricht, die Sprachen der Ländern, in denen die Familie während ihrer fast zweijährigen Flucht längere Monate gelebt hat, bestiegen einen Zug und wurden in Löwen von einem Kleinbus abgeholt. Sophie beschrieb Romana, das einzige Mädchen der sechs Kinder, als bildhübsch. Einer davon, Ramin, hat versucht, Sophie das Schmettern beim Tischtennis beizubringen. Wie sie die Hände, insbesondere den Daumen zu halten habe, zeigte er unermüdlich und stieß einen Jubelschrei aus, wenn Sophie ein Treffer geglückt war.

Höhepunkt war die Nachbarstochter Lisa, die mit einem sehr geduldigen Pferd kam, auf dem alle Kinder zu ihrem jubelnden Entzücken reiten konnten. Das Wichtigste für Adele war, sich den Wunsch zu erfüllen, den sie schon häufig geäußert hatte: für ihre fünf Lehrerinnen ein typisch afghanisches Mahl zuzubereiten. Alle haben ihr dabei geholfen und es hat wunderbar geschmeckt. Eine weitere Nachbarsfamilie gesellte sich zu der vergnügten Runde. Schwatzend Kaffee und Kuchen, radebrechende Unterhaltung, Lachen und viel Freude bestimmte die Stunden. Adele legte sogar trotz Anwesenheit fremder Männer ihr Kopftuch ab.

 

22. August 2016

Ein Rabe. Das Wappentier Berlins sollte nicht der Bär, sondern der Rabe sein. Denn Berlin ist die Hauptstadt der Diebe. Diskrete Raubüberfälle, Wohnungseinbrüche, Taschendiebstähle liegen im Blut der Stadt. Ein Einzelfall nur, gewiss, aber symptomatisch: Als ich 2004 nach Berlin zog, wurde mir noch im gleichen Jahr das zweite Fahrrad gestohlen. Jetzt, gut zehn Jahre später, sind es 6. Nicht weil ich glaubte, es wieder zu bekommen, sondern nur um zu informieren, rief ich damals die Polizei an. Meine Freunde hätten mir gesagt, Wilmersdorf sei eine gute Wohngegend. Ich wollte die Ordnungskräfte in Kenntnis setzen. Eine Wachtmeister-Schnarr-Stimme, die jedem Wortwechsel die Luft nahm, belehrte mich: „Daran müssen Sie sich gewöhnen, dass in Berlin die Fahrräder gestohlen werden.“

Ein gestohlenes Auto – Achselzucken bei der Polizei. Ein Wohnungseinbruch – wenn die Ordnungskräfte gut drauf sind, eine umständliche Spurensicherung und vier Wochen später der Bescheid ‚Verfahren eingestellt‘. Ein Taschendiebstahl – niemand interessiert sich für derlei Bagatellen. Genauso bei einer Schlägerei. Die Polizei weiß in welchen Parks und Häuserzeilen die Drogendealer arbeiten, aber es fehlt an Personal, um dort Unruhe zu stiften.

Der Staat garantiert öffentliche Sicherheit und Ordnung. Er hat das Gewaltmonopol an sich gezogen, den Einzelnen wehrlos gemacht, ungeübt zur Selbstverteidigung. Und nun zieht er sich Schritt für Schritt zurück. Nicht bei den Verkehrsdelikten, falsch geparkten Autos oder geringfügigen Geschwindigkeitsübertretungen, da ist Geld zu holen. Aber beim Schutz des Eigentums und der körperlichen Unversehrtheit. Nicht nur in Amerika werden die Kräfte immer stärker, die den Selbstschutz wieder in eigene Hände nehmen.

Berlin, die Stadt des Raben. Aber auch das gibt es: Sophie hatte eingekauft und die Lebensmittel in ihren Fahrradkorb gelegt. Am nächsten Morgen fiel ihr ein, alles auf dem Fahrrad vergessen zu haben, das an einen Baum gelehnt vor dem Haus stand. Es war nicht nur kein einziges Teil verschwunden. Sondern oben auf dem Berg aus Wurst, Käste, Milch und Brot lag ihr rotes Portemonnaie mit Geld und allen wichtigen Papieren. Hunderte Menschen mussten in den letzten 20 Stunden daran vorbei gegangen sein. Keiner hat zugegriffen.

Oder dieses: Der Bus 109 sollte uns vom Olivaer Platz zum Flughafen Tegel bringen. Wir mussten nicht lange warten, die Sonne schien, der Bus kam, wir stiegen ein. Erst kurz vor dem Ziel rief Sophie erschrocken: ‚Meine Handtasche ist gestohlen!‘. Wir schauten uns kritisch um im Bus, kein Verdachtsmoment. Sophie war sicher, sie hatte die Tasche mit dem Portemonnaie, Papieren, etc. noch vor kurzem auf den Knien. Hektische Suche, kein Ergebnis. Darüber waren wir uns schnell einig: so schrecklich der Verlust war, unseren Ferien sollte er uns nicht verderben. Sophie wartete also mit all unseren Koffern am Flughafen, ich fuhr mit dem Taxi nach Hause, um ihren Reisepass zu holen, der Perso war in der geklauten Tasche.

Nach 10 Tagen kamen wir aus Griechenland zurück. Den Verlust hatten wir schon fast vergessen und Sophie rief mehr pro forma beim Fundamt an. Was war passiert: Sie hatte die Handtasche auf der Sitzbank der Busstation stehen lassen, auf einem Platz, an dem ca.1000 Menschen pro Stunde entlang gehen. Dort hatte sie jemand gefunden. Wir haben nie heraus bekommen, wer sie mit dem gesamten Inhalt dort abgegeben hat. Die Dame, die der glücklichen Sophie die Tasche aushändigte, sagte: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Sie machen sich keine Vorstellungen, was alles bei uns abgegeben wird. Schlüssel nach Kilo zu messen, Brieftaschen, sogar ein faustdickes Bündel 100 Euro Noten, von einer Klammer zusammen gehalten. Ich habe nur mit glücklichen Menschen zu tun.“